Cosplayer unter Hochliteraten: Gelebte Kunstfreiheit

Lieber Carsten Otte,

in Ihrer Bilanz der Leipziger Buchmesse beklagen Sie sich über das „heterogene Konzept“ und insbesondere über jugendliche Cosplayer, die das erhabene, ernsthafte Messebild stören.

Literarische und politische Diskussionen, emphatische Appelle für die Meinungsfreiheit, berührende Wortmeldungen von Schriftstellern, die unter Zensur und Zumutungen von diktatorischen Regimen zu leiden haben, passen nicht zum Klamauk und kulturindustriellen Hokuspokus der parallel stattfindenden Manga-Convention.

Doch, sie passen sogar sehr gut dazu. Denn dieses Nebeneinander von Ernsthaftigkeit und Spaß ist ein sichtbares, greifbares Zeichen gelebter Kunstfreiheit. Hier dürfen Mangakünstler neben der ersten Liga politischer Literatur ihre Werke präsentieren. Hier darf jeder schreiben, was er möchte und es darf jeder lesen, was er möchte. Ich finde, besser kann man den Diktatoren und Despoten dieser Welt doch gar nicht den Mittelfinger zeigen.

Übrigens: Nur weil Ihnen Mangakultur, Fantasy (und Spaß?) fremd sind, sollten Sie sie nicht als Klamauk verurteilen und ihnen ihren literarischen Wert absprechen. Sie sind einfach anders als Ihre neue Ernsthaftigkeit. Und sie haben genauso ihren Platz auf der Leipziger Buchmesse – ebenso wie ihre Fans, die selbstverständlich ihre literarischen Helden so feiern dürfen, wie sie wollen; mit Champagner oder im knappen Cosplaykostüm.

Literatur hat so viele Facetten. Sie ist so verschieden, vielfältig und widersprüchlich wie ihre Leser. Und das ist doch wunderschön, finden Sie nicht?

 

Herzliche Grüße,

Esther Wagner (die übrigens kein Cosplayer ist)

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