Großes Kino im Prolog

Großes Kino im Prolog (c) Esther Wagner

„Nur Hobbyautoren und Selfpublisher schreiben Prologe!“ Über solche Aussagen stolpert man öfter, wenn man auf Schreibwebsites herumstöbert. Das Naserümpfen und Augenrollen des Verfassers bekommt man per Kopfkino mitgeliefert. Mal davon abgesehen, dass Schreiben ein wunderbares Hobby ist und ein Verlag noch lange kein Qualitätsmerkmal: warum sind Prologe mittlerweile so verpönt? Sie können durchaus ein guter Einstieg in ein Buch sein.

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Vielleicht haben Prologe so einen schlechten Ruf, weil viele Literaturfreunde – zu Recht – mit Schrecken an die Einleitungen ihrer Germanistik-Hausarbeiten zurückdenken. Oder weil es wirklich viele schlechte Varianten gibt. Nur wenige Leser wollen mit einer Geschichtsstunde in die neue Romanwelt eintauchen oder mit Infos überflutet werden. Gedichte und „Lieder“ sind für mich Leselustkiller, nicht nur im Prolog. Und die Entstehungsgeschichte des Romans gehört in die Sekundärliteratur oder ins Blog. Wer Ebooks veröffentlicht, sollte zudem bedenken, dass Leseproben normalerweise aus den ersten Seiten des Buches bestehen. Eine zehnseitige Danksagung vor Handlungsbeginn schafft wenig Kaufanreize.

Ein Prolog wie im Film

Wenn schon ein Prolog, dann bitte mit Handlung! Und zwar Handlung, die den Plot vorantreibt. Wir kennen das von Filmen und Fernsehserien: noch vor dem Vorspann werden wir mitten ins Geschehen gezogen. Nach der ursprünglichen Definition ist das gar kein echter Prolog im Sinne einer Vorrede des Autors, sondern schon das erste Kapitel. Unser Mediennutzungsverhalten ist aber ein anderes als vor 100 Jahren. Die Erzählstile von Filmen und Fernsehserien, von der Plotstruktur bis zu Kameraeinstellungen, hinterlassen ihre Spuren in der Literatur. Deshalb darf der Prolog großes Kino sein. Eine spannende Szene, die sich lange vor oder nach dem Beginn der eigentlichen Handlung abspielt. Ein Ereignis, das aus der Chronologie herausgerissen und als „Teaser“ vorangeschoben wird. Solche Prologe können richtig gut funktionieren.

Natürlich kann man interessantes „Prologmaterial“ auch als Rückblende in der Haupthandlung unterbringen. Oder man nennt das Ding einfach „Kapitel 1“. Ich finde „Prolog“ besser, wenn ein Roman mit einem harten Bruch der Zeitlinie startet. Dann bin ich nicht irritiert, wenn der kleine Orkjunge im folgenden Kapitel 45 Jahre alt, Kriegsveteran und Familienvater ist. Oder wenn der frisch gebissene Vampir nicht mehr im viktorianischen London, sondern im Tokio der Gegenwart Blut saugt.

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Eure Esther

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