Künstler brauchen Freiraum – und Mutmacher

On the wings of Fantasy (c) Esther Wagner

Ich habe wahnsinniges Glück. Das weiß ich schon lange, aber es ist höchste Zeit, dass ich es offen sage. Ich habe gerade in den letzten Tagen wieder einiges gelesen, was mir bewusst macht, dass ich in einer Filterblase voller Glitzer, Flausch und Geborgenheit lebe. Mir war nicht bewusst, auf wie viel Ablehnung und Widerstand viele Autoren und andere Künstler tagtäglich stoßen, auch in ihrem engsten Umfeld. Sie müssen sich mit Zweifeln, Kritik, Spott und offenen Anfeindungen herumschlagen.

„Du wirst doch eh keinen Erfolg haben!“ „Der hält sich für besonders toll, weil er jetzt Autor ist!“

Bei weiblichen Kreativen gibt´s noch eine weitere Dimension, wie aktuell der Hashtag bei Twitter zeigt:

„Für eine Frau kannst du das wirklich gut!“ „Und du hast da noch Zeit für, neben der Kinderbetreuung?“

Was soll das? Denken die Menschen, die solche Sprüche bringen, nicht nach oder schlagen sie mit voller Absicht kreativen Menschen in die Fresse? Machen sie das auch bei einem Hobbyfußballer?

„Du wirst doch eh nie Bundesliga spielen!“ „Hast du neben Frau und Kindern wirklich Zeit, jedes Wochenende einem Ball nachzulaufen?

Merkt ihr selber, oder?

Das hat mich dazu veranlasst, einfach mal „Danke“ zu sagen – für all die Unterstützung, die ich seit jeher für meine zahlreichen, zeitaufwändigen Kreativprojekte erfahren habe. – sei es Schreiben, Malen, Digitalkunst oder Webdesign.

Ich wurde in eine sehr kreative Familie hineingeboren. Schreiben, Nähen, Handarbeiten, Musik, Malerei… Kreativität in all ihren Formen hat mich von Anfang an umgeben. Ich zeichne, seit ich einen Stift halten kann. Seit diesem Zeitpunkt habe ich von meinen Eltern – und eigentlich allen aus der Familie – nichts anderes als Ermutigung, Lob und Stolz erlebt. Als ich mit zarten 12 Jahren mein erstes „Buch“ geschrieben hatte, hat mein Papa mir geholfen, es an einen Verlag zu schicken – obwohl er natürlich wusste, dass eine 250-seitige Star-Trek-Fanfiction keine Chance auf Veröffentlichung hat 🙂 Aber meine Eltern haben mich niemals ausgebremst oder meinen kindlich-naiven Optimismus zerstört. Im Gegenteil: Sie haben mir geholfen, wo sie konnten, etwa damit ich Bilder ausstellen konnte. Sie haben mich Erfahrungen machen lassen und mir Freiraum gegeben für meine Herzensprojekte, mich gefördert, ohne mich zu überfordern oder mich in eine bestimmte Richtung zu drängen. Das ist bis heute so geblieben. Damals hielt ich das für eine Selbstverständlichkeit. Jetzt weiß ich, dass ich ein Glückskind bin.

Mittlerweile ist es (auch) mein Mann, der mich unterstützt. Ich rechne ihm das hoch an, schließlich ist es unsere Familienzeit, die darunter leidet. Aber er weiß, wie viel Spaß mir mein Kreativkram macht. Er denkt sich sogar neue Projekte für mich aus und wir haben schon mehrfach zusammengearbeitet.

Klar habe auch ich schon Spott und Unverständnis erlebt, aber nicht im engeren Freundes- und Familienkreis. Durch die Unterstützung meiner Lieben konnte ich damit immer ganz gut umgehen.

8 Tipps, was ihr für eure kreativen Kinder, Partner, Geschwister und Freunde tun könnt – und die ihr als Argumente gegen Kritiker nutzen könnt

  1. Kunst ist kein Hobby zweiter Klasse. Zeit zum Schreiben, Zeichnen oder Nähen gehört genauso in den Terminkalender wie das Fußballtraining und Tischtennisspiele. Die Einstellung „Kannst du machen, wenn noch Zeit ist“ sollten wir uns abgewöhnen.
  2. Lasst sie machen. Welche Kunstform sie sich auch aussuchen, lasst sie probieren, üben und sich austoben. Selbst wenn ihr damit nichts anfangen könnt: versucht nicht, ihnen etwas anderes aufzudrücken, nur weil es erfolgversprechender oder nervenschonender ist (Stichwort: Geige 😉 )
  3. Ermutigt sie. Sagt niemals „Das kannst du nicht“. Durch Motivation und Übung können unglaubliche Dinge passieren. Und wenn nicht? Egal, Hauptsache, sie haben Spaß dabei!
  4. Fördert sie, aber setzt sie nicht unter Druck. Wenn der Ehrgeiz der Eltern größer ist als der des Kindes, geht der Spaß verloren.
  5. Gebt ehrliche Kritik, wenn ihr danach gefragt werdet. Sie muss nur konstruktiv sein. Und seid nicht sauer, wenn der Künstler oder die Künstlerin erst mal eingeschnappt ist. Das legt sich wieder und danach sind sie euch dankbar 😉
  6. Seid ihre ersten und treuesten Fans. Geht zu ihren Konzerten! Kauft ihre Bücher, auch wenn ihr das Genre normal nicht lest. Jedes Exemplar zählt! Denkt an „eure“ Künstler, wenn ihr Ausstellungsmöglichkeiten entdeckt. Liked ihre Facebookseiten. Macht Werbung, wo ihr könnt!
  7. Stärkt ihr Selbstvertrauen. Wenn ihr sie immer unterstützt und ermutigt, werden sie leichter mit Anfeindungen, Neid und Unverständnis von Außenstehenden zurechtkommen. Denn wer mit seiner Kunst an die Öffentlichkeit tritt, wird unvermeidlich damit konfrontiert werden. Leider.
  8. Redet ehrlich über Karrierepläne. Gerade, wenn es um eure Kinder geht, solltet ihr mit ihnen über alle Chancen und Risiken einer reinen Künstlerkarriere sprechen. Zeigt mögliche Probleme auf, aber lehnt ihre Träume nicht gleich kategorisch ab.  Lasst sie selbst ihren Weg wählen und unterstützt sie darin, so gut es geht.

Welche Erfahrungen habt ihr gemacht? Unterstützt euch euer Umfeld oder stoßt ihr nur auf Unverständnis?
Schreibt mir hier oder auf Twitter!

Eure Esther

2 Kommentare

  1. Oh, ich würde die Liste gern erweitern mit:
    „Mach was vernünftiges!“
    „Was hast du denn da angeschleppt, das braucht doch keiner!“ und „Lass den mal machen, das wird eh nichts. Der muss nur mal richtig fallen.“
    Um ehrlich zu sein, fällt es mir schwer zu akzeptieren, dass es Menschen geben soll, die sich mit Ablehnung, auch im näheren Umfeld, noch nicht haben auseinandersetzen müssen. Es freut mich aber sehr, davon zu hören. Es gibt immer einen Stimmenkanon, von dem ein Teil positiv und der andere negativ ist, aber das ist ok.
    Wir haben nur ein Leben. Warum es mit dem vergeuden, was andere sich von uns wünschen und nicht mit dem, was wir uns selbst wünschen?
    Am Ende des Weges stehen für die Meisten nur zwei Fragen: Habe ich die Zeit hier sinnvoll verbracht? War es schön?
    Die Möglichkeit diese Fragen mit ja beantworten zu können, sollte sich niemand nehmen lassen, egal welcher Orkan einem um die Ohren zu wehen scheint.

    Dass sich Frauen die Fragen nach der Kindererziehung gefallen lassen müssen, ist doch Standard, oder? Jungs müssen nicht lernen wie man bügelt und für Mädchen ist es lebensnotwendig. Mädchen dürfen weinen und bei Jungen ist es quasi das gesellschaftliche Todesurteil. Dieses hervorheben von unterschieden ist einfach nervig und im Jahre 2017 so 1910, dass ich nicht weiß, ob ich lachen, oder lieber weinen soll.

  2. Pingback: Autoren: Medienlese 15.04.-21.04.2017 – Dembelo

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