Kunst oder Schund – Was ist anspruchsvolle Literatur?

Symbolbild für Trivialliteratur

Was ist anspruchsvolle Literatur? Zu diesem Thema hat Marcus Johanus vor wenigen Tagen einen kritischen Blogbeitrag verfasst. Aufhänger war eine Dokumentation auf tor-online.de zum schlechten Ruf der Fantasy. Darin stellt Kritiker Volker Weidermann eine fragwürdige „Definition“ auf. Laut seiner etwas kryptischen Aussage lässt sich literarischer Anspruch alleine am innovativen Gebrauch von Sprache zur Darstellung eines Themas ablesen. Der Plot ist nebensächlich. Dass Weidermann mit dieser Ansicht nicht alleine ist, zeigt Bordsteinprosas Rückblick auf die 41. Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt.

In gewissen Kritiker- und Literatenkreisen ist das Geschichtenerzählen offenbar ein Ausschlusskriterium für Anspruch. Ich bin entsetzt, in welchem Tonfall Volker Weidermann im Interview sagt: „Würden Sie sich als literarisch anspruchsvoll im Sinne von…ähm, Neuerfindung, von eine.. neue Art der Darstellung, so dass sie sich… sind Sie daran interessiert oder sind Sie am Plot interessiert, an der Story und dann ist Ihnen die Sprache nicht so wichtig?“ [sic!].  Oh, die Arroganz, die aus diesen Worten tropft! Plot und Story sind demnach nur etwas für Kunstbanausen, die sich mit trivialer Unterhaltungsliteratur abgeben. Mit billiger Massenware ohne literarischen Anspruch.

Ich sehe das anders.

Unterhaltungsliteratur ist nicht anspruchslos. Sie hat nur andere Ansprüche als so genannte höhere Literatur.

Literatur ist viel mehr als ein kunstvolles Gebilde aus Sprache.

Ein literarisches Werk ist eine in sich stimmige Komposition aus Sprache, Plot, Charakteren, Dramaturgie, Konflikt, Weltenbau, Thema, Wendungen, Subtext, Tropen und Stereotypen.

Jeder Autor setzt andere Schwerpunkte: mal steht die Story im Vordergrund, mal ein kontroverses Thema , ein anderes Mal der virtuose Umgang mit Sprache. Manche Geschichten leben vom Subtext, andere vom detailverliebten Weltenbau. Während ein Autor wochenlang an einer Formulierung feilt, arbeitet ein anderer genauso lange an dieser einen überraschenden Wendung.

Ein gut konstruierter Plot ist ein Kunstwerk in sich selbst. Der Autor muss die Prämisse, den roten Faden, die Dramaturgie und die Logik im Auge behalten. Und nebenbei muss er sich um eine ganze Horde eigensinniger Charaktere kümmern.

Literatur muss weder besonders eloquent, noch innovativ sein. Sie muss nur funktionieren – als eigenständiges Werk und im gesellschaftlichen Kontext. Nicht jeder Autor beherrscht die Kunst, für ein Massenpublikum zu schreiben. Dafür muss man seine Leser kennen, ihre Sprache sprechen – zielgruppenorientiert schreiben. Das ist alles andere als trivial. Ein Bilderbuch für Dreijährige zu texten kann sehr anspruchsvoll sein. Und manchmal ist ein Werk in klarer, verständlicher Sprache literarisch hochwertiger als ein krampfhaft auf intellektuell getrimmtes Metaphernungetüm.

Natürlich gibt es (handwerklich) schlechte Literatur.

Textkiller sind z.B.:

  • Logikfehler / Plotholes
  • gehäufte Grammatik- und Rechtschreibfehler
  • die Sprache passt nicht zum Genre
  • fehlende Dramaturgie
  • fehlende Konflike
  • zu viele Klischees und Stereotypen
  • kein einheitlicher Schreibstil
  • Fehler im Weltenbau
  • fehlerhafte Metaphern
  • u.v.m.

Aber hier muss man das einzelne Werk betrachten, nicht ein ganzes Genre.

Für den Leser ist Literatur in erster Linie Unterhaltung. Nach der klassischen Definition soll er auch etwas aus ihr lernen, aber deswegen kauft er kein Buch. Egal, ob er sich im Ohrensessel mit einer Tasse Tee dem Kunstgenuss hingibt oder nur Abwechslung für langweilige Bahnfahrten sucht: ein Buch soll Spaß machen. Schafft es das, ist es für diesen Leser ein gutes Buch. Im Umkehrschluss könnte man sagen: Auch so genannte höhere Literatur ist Unterhaltungsliteratur. Oder wir lassen diese überholten Unterteilungen gleich ganz weg.

Literatur ist so vielfältig wie ihre Autoren und Leser.

Nicht jedes Buch ist große Kunst. Nicht jedes Buch will das sein. Aber kein Werk hat es verdient, als trivial oder anspruchslos bezeichnet zu werden, denn darin stecken Ideen, Handwerkskunst, endlose Arbeitsstunden und Herzblut. Ob sie uns große Ideen, fantastische Geschichten oder einfach nur kleine Glücksmomente schenkt:

Literatur ist eine Bereicherung für unser Leben.

 

Was meint ihr dazu?
Schreibt mir hier oder auf Twitter!

Eure Esther

10 Kommentare

  1. Hallöchen,
    fabelhafter Beitrag, du sprichst mir damit aus der Seele!
    Was bringt die anspruchsvolleste Sprache, wenn ich als Leser nichts verstehe? Schwülstige Formulierungen und Grammatikexperimente an sich machen noch lange kein gutes Buch.
    Ich finde es schade, dass der Feuilleton teils schnöselig abgehoben ist und sich nichtmal auf Unterhaltungsliteratur einlässt.
    Dadurch entgehen ihnen ziemlich viele Meisterwerke, die sprachlich gewandt und anspruchsvoll sind.

    Liebste Grüße,
    Babsi

    • Ich stimme dem Beitrag ebenfalls zu und gebe dir recht, dass so manches literarische Werk nicht nur nicht allgemeintauglich ist, sondern kaum verständlich. Da hilft mir manchmal auch mein Studium und meine Promotion nicht mehr, um zu verstehen, was gemeint ist.
      Doch natürlcih gibt es auch dafür Literaturgenießer, die allein dem Klang der Sprache und dem was vielleicht noch zwischen den Zeilen mithaucht Freude abgewinnen können. Daher hat natürlich auch diese Form der Literatur ihre Berechtigung.
      Das würde ich jetzt allerdings nicht gleichsetzen mit schwülstig. Ich glaube schwülstig ist durchaus verständlich und muss überhaupt nicht literarisch sein. Aber auf jeden Fall ist es eine Geschmacksfrage. Viele moderne Menschen mögen lieber die klare, direkte Sprache, während man in früheren Zeiten das Blumige, um es mal positiv auszudrücken als unverzichtbar für gute Texte gehalten hat.
      Womit ich nicht einverstanden bin, ist eine anspruchsvolle Sprache unverständlich ist. Aber das ist jetzt natürlcih auch eine Frage der Definition. Ich meine das gerade anspruchsvolle Sprache etwas leisten kann, was eine zu einfache nicht leistet: Dass sie z.B. Emotionen und Spannung zwischen den Zeilen emporsteigen lassen kann. Dass ich als Leser direkt in meine Figur hineinkrieche, mich mit ihr freue, mit ihr leide und ja, auch auf die pfiffigen Wendungen des Autors hereinfalle, mich in die Irre leiten lasse, um am Ende überrascht zu werden.
      Das alles ist für mich ebenfalls anspruchsvolle Sprache, denn in einfache Worten so viel hineinzupacken, ist eine ganz eigene Kunst, die man gar nicht hoch genug schätzen kann.
      Und die führt dazu, dass wir manche Bücher so lieben und andere gleich wieder vergessen, weil die einen unser Innerstes ansprechen, die anderen nicht.

  2. DANKE! Das musste echt mal gesagt werden! Diese Unterteilung ist absolut sinnlos… Man kann vielleicht schon eine Einordnung in wertvoll / nicht wertvoll finden, die sich aber – wenn überhaupt – dann nicht an bisherigen Kriterien orientieren darf, sondern eher das Werk als ganzes betrachtet und nicht isoliert die Sprache, die vielleicht dermaßen abgedreht ist, dass man 500 Seiten lang den Protagonisten beim Einkaufen begleitet, aber kein Wort versteht!!
    Liebe Grüße, Katharina

  3. Wenn der Text mich schon nach 10 Seiten rauskickt, dann bekomme ich die schönen Plotwendungen nicht mehr mit. Mich hat die Sprache schon mehrmals aus einem Fantasybuch geworfen.
    Was ist eine gute Sprache? Sie gibt dem Inhalt die beste Form, sie ist maßgeschneidert. Das spricht gegen Sprachklischees. Sprache muss genau sein in ihrer Beobachtung.
    Sprache bedeutet einen gewissen unverwechselbaren Sound, sprich einen gewissen Klang. Was kann man gegen solche Forderungen haben?
    Sie muss nicht schwülstig sein und sie muss auch nicht von Metaphern überwuchert sein. Eine einfache Sprache kann sehr kunstvoll sein.

    Ich wäre sehr vorsichtig, dass gute Literatur Lerninhalte bietet. Ich finde es schon ein Wert an sich, wenn ein Buch den Blick auf die Welt verändert, sprich wenn der Leser Denkmuster in Frage stellt. Das finde ich schon viel.

    • Mit den Lerninhalten stimme ich dir zu. Nach der ganz klassischen Definition von Literatur soll sie allerdings den Leser auch etwas lehren. Mir reicht gute Unterhaltung.
      Und mit der Sprache bin ich absolut deiner Meinung. In „intellektuellen“ Literaten- und Kritikerkreisen reicht eine klare, angemessene Sprache aber offenbar nicht für ein gutes Buch. Sie muss zwingend irgendwie neuartig und besonders sein. Das war Anlass für den Blogpost.

      • Wenn man Sprachklischees vermeiden versucht, muss man schon irgendwie neuartig sein. Das bedeutet nicht, dass man verschwurbelt schreiben soll.
        Ich habe das Gefühl, dass es hier auch viele Vorurteile gibt. Schaut euch doch mal an, was besprochen wird! Sicherlich gibt es die Erfindung der Roten Armee Fraktion, aber sie ist nur ein Teil der neuen Literatur, meistens ist die Sprache sehr schlank und verständlich. Ich habe „Die Welt im Rücken“ von Thomas Mann sehr gern gelesen. Hool ist ebenfalls sehr lesbar. Man kann die Literatur dafür kritisieren, dass sie zu sehr autobiografisch ist, da bin ich durchaus dabei.

        Ich stehe zwischen den Standpunkt nur Unterhaltung und Belehrung, Literatur soll den Blick auf die Welt öffnen, das kann auch durch phantastische Geschichten passieren.

        • Was verstehst du denn unter Sprachklischees?
          Ich meine auf jeden Fall, dass gute Literatur auch gerne mal den Schwerpunkt auf den Plot legen darf. Das heißt nicht, dass Sprache dadurch unwichtig wird. Die Sprache muss verständlich und vor allem genregerecht sein. Sie sollte Bilder wecken, Atmosphäre schaffen, helfen, die Geschichte voranzutreiben. Das Gesamtbild muss stimmen. Was mich besonders stört, ist die grundstätzliche Abwertung des Plots. Ein Autor, der aus den verschiedenen Elementen des literarischen Schreibens ein rundes, lesenswertes, bestenfalls zum Nachdenken anregendes Werk abliefert, hat anspruchsvolle Literatur verfasst. Die muss nicht meinen Geschmack treffen.

          • Warum verteidige ich Volker Weidermann? Ich glaube, er wollte mit der Aussage nicht den Plot herabsetzen, sondern für die Sprache sensibilisieren.
            Ich halte den Plot für genauso wichtig wie die Sprache.

            Sprachklischees sind sinnentleerte Phrasen oder manchmal unpräzise Ausdrücke, beispielsweise der kleine Junge für einen jungen Jungen, egal ob er für sein Alter klein oder groß ist.

          • Dann hat er sich sehr unpräzise ausgedrückt ^^ Womit wir wieder beim Thema wären.
            Trotzdem glaube ich, dass er es tendenziell schon so gemeint hat. Sein Tonfall lässt das vermuten.

            Solche Sprachklischees sind für mich ein Zeichen für handwerklich schlechte Literatur. Kann ich in die (unvollständige) Liste an Textkillern mit aufnehmen.

            Danke für deinen Input!

  4. Das stand ja schon in der Liste, Klischees sind Klischees, es braucht keinen eigenen Unterpunkt.
    Fantasy ist nicht das Leibgenre von Volker Weidermann. Ich finde, selbst ein Kritiker darf Vorlieben haben. Und ich darf Knausgard unerträglich finden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.