Mit der Charaktermatrix vielschichtige Figuren entwerfen

Figurenentwurf mit der Charaktermatrix (c) Esther Wagner

Wie gut kennt ihr eigentlich eure Romanfiguren?  Habt ihr nur eine ungefähre Ahnung, wie sie ticken oder wisst ihr über all ihre verborgenen Ängste und Probleme Bescheid? Einigen reicht es am Anfang, ihre Figuren nur grob zu skizzieren und zu schauen, wie sie sich entwickeln. Aber spätestens nach Abschluss der Rohfassung sollte man sie in- und auswendig kennen.

Ich nehme meine Hauptfiguren einmal komplett auseinander, bevor ich mit dem Schreiben anfange. Klar, die verändern sich noch, aber mir hilft ein fundiertes Charakterdesign, um den Einstieg in meine Geschichte zu finden. Ich benutze verschiedene Tools: Charakterbögen, Interviews, spontanes Brainstorming. Aber die Grundlage, auf der alles aufgebaut ist, ist die Charaktermatrix. Das ist eine Tabelle, in der Charakterzüge, Gefühlswelt, Außenwirkung, Überzeugungen und vieles mehr zu den Figuren festgehalten wird, und zwar größtenteils in Form von Gegensatzpaaren. Darin wird mit Werten von 1 bis 7 bzw. Farben notiert, wie stark eine Eigenschaft zutrifft.

Was bringt die Charaktermatrix?

  1. Ihr erhaltet einen tiefen Einblick in die Figur mit all ihren Facetten.
  2. Ihr könnt ihre Entwicklung verfolgen.
  3. Ihr könnt Widersprüche innerhalb des Charakters oder zwischen Figur und Plot aufdecken.
  4. Ihr habt die Möglichkeit, Charaktere zu vergleichen. So seht ihr z.B. schnell, ob eure Figuren sich zu sehr ähneln.
  5. Ihr könnt Plotelemente und Konflikte darauf aufbauen.

Arbeiten mit der Charaktermatrix

Es gibt viele Möglichkeiten, die Charaktermatrix einzusetzen. Wahrscheinlich fallen euch bei der Arbeit damit noch mehr ein.

Screenshot der Charaktermatrix (c) Esther Wagner

Ausschnitt aus der Charaktermatrix

  1. Figuren am Reißbrett entwerfen: Ihr könnt eure Figuren komplett durchplanen, noch bevor ihr mit dem Schreiben anfangt. Wenn sie sich im Laufe des Schreibprozesses verändern, passt ihr das einfach in der Matrix an. Sie ist kein starres Konstrukt, sondern dafür gedacht, sich mit der Geschichte zu entwickeln.
  2. Charakterdesign on the fly: Wenn ihr eure Hauptfiguren zuerst nur skizzieren wollt, könnt ihr einfach die wichtigsten Eigenschaften in die Matrix eintragen und sie nach und nach vervollständigen.
  3. Figurenentwicklung: Ihr könnt Gemütszustand, Wesenszüge, Ansichten etc. zu verschiedenen Zeitpunkten in der Geschichte festhalten und so die Entwicklung verfolgen. Einige grundlegende Charakterzüge bleiben immer gleich, andere Eigenschaften ändern sich im Laufe der Handlung. Ihr seht auch direkt, ob die Figur  sich so entwickelt hat, wie ihr es wolltet oder ob sie ihren eigenen Weg eingeschlagen hat. Wenn ihr keine Veränderung feststellen könnt, hat sie sich nicht weiterentwickelt.
  4. Figur vs. Plot: Mit der Charaktermatrix könnt ihr prüfen, wie gut eure Figuren sich in den Plot einfügen bzw. wie stark sie ihn beeinflussen. Ihr könnt sogar Handlungselemente aus der Charaktermatrix ableiten.
    1. Ihr habt schon einen detaillierten Plot oder sogar die erste Fassung? Überprüft, ob die Handlungen der Figur zu ihrem Charakter passen.
      • Treiben bestimmte Eigenschaften oder Ansichten die Story voran?
      • Ist die Figurenentwicklung plausibel?
      • Handelt die Figur ihrem Charakter entsprechend oder tut sie Dinge, die nicht zu ihr passen? Dann gibt es zwei Möglichkeiten:
        1. Könnt ihr plausibel erklären, warum sie anders handelt, als sie fühlt? Dann habt ihr ganz wunderbare innere Konflikte gefunden! Davon lebt die Geschichte
        2. Wenn es keinen guten Grund für ihr abweichendes Handeln gibt, ist die Figur „out of character„. Dann solltet ihr entweder ihre Eigenschaften oder den Plot anpassen.
    2. Ihr habt nur eine ungefähre Idee, wie eure Geschichte ablaufen soll? Dann könnt ihr sie komplett auf den Figuren aufbauen.
      • Sucht Konfliktpotenziale: Was könntet ihr eurer Figur antun, um sie an ihre Grenzen zu bringen?
      • Überlegt euch, welche Erfahrungen und Einflüsse die Entwicklung der Figur in die gewünschte Richtung treiben könnten.
  5. Figureninteraktion: Findet Konfliktpotenzial zwischen den Figuren! Wenn ihr von den Hauptcharakteren jeweils eine detaillierte Liste an Eigenschaften vorliegen habt, findet ihr nicht nur Ausgangspunkte für den Hauptkonflikt, sondern viele kleinere Reibungspunkte. Genauso entdeckt ihr z.B. Gemeinsamkeiten zwischen Protagonist und Antagonist, die der Geschichte Tragik oder Brisanz verleihen.

Tipps zur Benutzung

Ich stelle euch die Charaktermatrix als Exceldatei und PDF zur Verfügung, falls ihr sie lieber ausdruckt und von Hand ausfüllt. Ich weiß, dass Excel für einige das wahrscheinlich verhassteste Programm dieses Planeten ist 😉 In der Excelversion könnt ihr einfach mit Werten von 1 – 7 angeben, wie stark eine Eigenschaft auf eure Figur zutrifft bzw. an welchem „Pol“ der Gegensatzpaare sie sich befindet. Die Zellen werden dann automatisch eingefärbt, sodass ihr auf den ersten Blick Tendenzen erkennt. Ihr könnt natürlich neue Eigenschaften oder Entwicklungsschritte hinzufügen, entfernen, ändern, neonpink formatieren… 😉 Tobt euch aus!

Und wenn ihr Fragen oder Anregungen habt, schreibt mir einfach!

Viel Spaß beim Charakterbasteln,

Eure Esther

Die Rechte an der Charaktermatrix liegen bei mir, Esther Wagner. Ihr könnt sie für den persönlichen Gebrauch verändern, aber nicht weiter veröffentlichen, auch nicht in abgewandelter Form. Wenn ihr sie für Seminare oder ähnliches verwenden möchtet, könnt ihr mich gerne ansprechen.

Downloads

Charaktermatrix (Excel)

Charaktermatrix (PDF)

2 Kommentare

  1. Liebe Esther,

    das klingt in der Tat spannend! Ich selbst entwerfe Figuren nicht am Reißbrett, sondern habe nur ein paar grundsätzliche Ideen zu Beginn, aber ich werde auf jeden Fall probieren, die Charaktermatrix während der Entstehung der Geschichte einzusetzen.

    Vielen Dank für die Vorlage und ein tolles Wochenende!

    Elyseo

    • Das freut mich sehr! Ich nutze sie ähnlich. Am Anfang stehen nur einige grundsätzliche Eigenschaften fest. Während des Schreibens wird die Matrix immer detaillierter und ich sehe, wo es hakt bzw. ob ich meine Figuren überhaupt schon gut genug kenne.

      Liebe Grüße und dir auch ein schönes Wochenende!
      Esther

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